Tsingtau

Vom „Platz an der Sonne“ zur „Musterkolonie“

Ich möchte Sie herzlich in der Zeit der Ankunft meines Roman-Helden Ernst Hartung begrüßen, im Tsingtau des Jahres 1911.

Tsingtau Karte

Rechts sehen Sie den Stadtplan, zum Vergrößern einfach hier anklicken.


Die Stadt wurde der Hafen für das wichtige Geschäft mit China, des deutschen Kaiserreiches und der Brückenkopf des Militärs, insbesondere der Marine. Die Jiaozhou-Bucht wurde aufgrund der im Frühjahr 1897 durch den Kieler Hafenbaudirektor Georg Franzius geleiteten Marineexpedition als geeigneter Standort für einen deutschen Marinestützpunkt in Ostasien ausgewählt worden.

Die Bucht bot alle erforderlichen Voraussetzungen, den richtigen Untergrund, die Wassertiefe, ja sogar Schutz vor Stürmen. Hier sollte bald ein größerer Hafen angelegt werden, auch die dazugehörende Infrastruktur in Form der Anbindung einer Bahnlinie als Verkehrsverbindung mit dem Hinterland war technisch möglich und wurde bald in die Tat umgesetzt. Im Jahre 1899 begann der Bau der Schantung-Bahn, die von Tsingtau bis in die Stadt Jinanfu führte und Anschluss an die Transsibirische Eisenbahn hatte. In circa 13 Tagen konnte man nach Berlin reisen.

„Am deutschen Wesen mag die Welt genesen“

Wilhelm II. im Jahr 1902

Das deutsche Kaiserreich wollte auch etwas von dem „Kuchen“, den das geschwächten China darbot, abhaben – eine deutsche Kolonie in Ostasien – ein Traum der Deutschen seit langer Zeit.

Wollte man den anderen Kolonielmächten doch zeigen das „man ja schließlich jemand wäre“ und das man mit dem Deutschen Kaiserreich durchaus rechnen muß.

Die Region wurde zur „Chefsache“ erklärt, Kaiser Wilhelm II. unterzeichnete persönlich den Beschluss.

Die Region Schantung hatte mit ihren reichen Kohle- und Eisenerzvorkommen Anlass genug für Begehrlichkeiten geweckt. Das einstige Dorf Fangtze wurde das Zentrum des Bergbaus und die Schantung-Bahn wurde gebaut, um eine funktionierende Infrastruktur zu errichten.

Mit unglaublichen Geld- und Personaleinsatz sollte Kiautschou und das Dorf Tsingtau eine funktionierende, gewinnbringende „Musterkolonie“ werden; wo sich dereinst das belanglose Fischerdörfchen Tsingtau befand, wuchs nun im Sauseschritt eine moderne, auf dem Reißbrett geplante Stadt aus dem Nichts heran.

AnzeigederGermaniaBrauereiTsingtao

Selbst an eine Brauerei wurde gedacht – was ist schließlich eine deutsche Stadt ohne eigene Brauerei? Am 15. August 1903 wurde die Brauerei Germania-Bräu eröffnet, die Bier nach dem deutschen Reinheitsgebot herstellte, nämlich mit feinstem deutschen Hopfen und Malz gebraute „feinste helle Biere nach Pilsener und dunkle Biere nach Münchener Art“ .

Auf der Seite „Tsingtau.org“ kann man sogar noch nach über 100 Jahren nachlesen, wer dort in welchem Beruf angestellt war.
Das ist deutsche Ordentlichkeit 😉

Bei aller finanziellen wie personellen Anstrengungen zahlte sich das Unternehmen jedoch nicht aus; der Ausbruch des 1. Weltkriegs beendete die deutschen Träume von Kolonien. Finanziell betrachtet war es ein Desaster.

Tsingtao Logo

Die Brauerei existiert nunmehr seit mehr als 100 Jahren, in Anlehnung an den deutschen Namen „Tsingtau“ wurde das Bier Tsingtao genannt, und ist die zweitgrößte Brauerei Chinas, war im Jahre 2016 auf Platz 6 der größten Brauereien der Welt. Auch wenn heutzutage Reis ein großer Bestandteil des Bieres ist, so wird immernoch nach deutscher Tradition gebraut.

Überhaupt wird nach dem „Kahlschlag“ der alten Gebäude bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts das deutsche Erbe wieder hoch angesehen. Man baut, ganz anders als im restlichen China, „deutsch“ wirkende Gebäude und bemüht sich um gute Beziehungen zu Deutschland.

„Fast alles, was mit ungeheuren Kosten – man spricht von 200 bis 300 Millionen – Tsingtau im Namen des deutschen Reiches geschaffen worden, ist ebenso mustergültig wie – zwecklos.“
(BZ am Mittag, 1914)

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Nach den Fakten…

Hotel Kiautschou
Hotel Kiautschou

In meinem Tsingtau von 1911 hat Ernst Hartung mit seinem Bruder Paul ein kleines Häuschen in der Bismarck Ecke Irene Straße, nicht weit von der Kaiserlichen Gouvernementsschule, an der er arbeitet, entfernt.

Er geht gerne in das Hotel Kiautschou, Ecke Prinz Heinrich und Friedrichstraße. Bei geeignetem Wetter sitzt er im Biergarten, ansonsten kegelt er dort mit seinem Sportverein. Er spielt auch Fußball in dem Club TSV Tsingtau 05. Zum Doppelkopf trifft er sich Samstags im Restaurant „Zum Deutschen Hause“ in der Tsimostrasse – sein Lieblings-Gulasch mit Knödeln und Rotkohl und andere Köstlichkeiten nimmt er jedoch am Sonntag bei Lehmans in der Schantungstrasse zu sich…

In meinem Roman hat sich die Kaufmannsfamile „Schomburg“ in ihrem Haus in Irene- Ecke Friedrichstraße eine Handelsniederlassung errichtet, gegenüber vom Hotel Kiautschou; am Hafen besitzen sie für ihr Chinageschäft einen Speicher.

Tsingtauer Werft

Dietrich Bosselmann habe ich eine schöne Arbeit als Schlosser verpasst; er wurde ja schon in Deutschland für seine Arbeit in der Maschinenbau – Abteilung der Tsingtauer Werft angeworben.

Bereits in Shanghai wurde er ja zum Vorarbeiter befördert. Er ist ein Teil der Doppelkopf-Gruppe und im Fußballverein.

Familie Thien hat ein Häuschen an der Ecke Sifanstraße / Lazarettweg, im „Chinesenviertel“ Tapautau.

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